Landesbischof Ralf Meister

Europa

Europa ist eine Frage der Haltung. Es geht darum, nationale Interessen zurückzustellen und schwächere Länder zu unterstützen. Der Wert eines friedlichen, freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Verbandes ist unschätzbar.


Karfreitagsdebatte

Wer einen Feiertag als freien Tag in Anspruch nimmt – denn dagegen richtet sich die Kritik ja nicht – sollte den Grund für diesen Feiertag auch dann achten, wenn er nicht der eigenen Überzeugung entspricht.

Unsere Gesellschaft lebt von öffentlichen Unterbrechungen, die Selbstverständlichkeiten und Alltägliches in Frage stellen. Die Erzählung vom Kreuzestod Jesu in den Evangelien ist eine solche Unterbrechung, ein Krisen-Ruf. Aber im Evangelium ist in grundlegend anderer Weise von Krise die Rede, als wir es kennen, nämlich: wahrhaftig, befreiend, zum Leben bestärkend. Die Botschaft von Tod und Auferstehung verliert sich nicht in einem apokalyptischen Szenario und leistet sich nicht den Luxus feuilletonistischer Hoffnungslosigkeit, sondern sie probt den christlichen Aufstand gegen innere und äußere Leerstände. Damit leisten wir einen grundlegend wichtigen Beitrag für die Ethik und Stabilität unserer Gesellschaft."


Sterbebegleitung (Bundestagsdebatte am 6.11.2015)

Ich bin überaus beeindruckt von der intensiven Bundestagsdebatte zur Regelung der Sterbebegleitung. Die Abgeordneten haben sachlich, ernsthaft und hoch engagiert das komplexe Thema der Sterbebegleitung und damit die weitgehend tabuisierten Themen Tod, Leid und Sterblichkeit diskutiert. Sie haben sich gegenseitig zugestanden, dass es keine einfachen und eindeutigen Lösungen gibt. Dieses Bewusstsein und diese Sensibilität für ein ethisches Thema sind für mich als solche schon ein wichtiges Ergebnis der Auseinandersetzung. Insgesamt haben die letzten zwei Jahre unsere Gesellschaft in den Fragen eines verantwortlichen Umgangs mit dem Sterben deutlich vorangebracht. Ich begrüße die Entscheidung für das Verbot von Sterbehilfe-Organisationen als notwendigen Schritt. In der Sterbebegleitung insgesamt ist es jedoch nur ein Aspekt unter vielen. Nicht nur die Kirchen, sondern die Gesellschaft insgesamt müssen sich weiterhin um eine menschenwürdige Sterbebegleitung und die Entwicklung der Kriterien für die Gewissensentscheidungen der Ärzte und Angehörigen Sterbender kümmern.


Homosexualität

Homosexualität ist aus Sicht der Landeskirche weder Sünde noch muss sie geheilt werden. Das steht klar und deutlich in der Gottesdienstordnung für Segnungen von Paaren in eingetragener Lebenspartnerschaft: „Als Kirche begrüßen wir, wenn in gleichgeschlechtlicher Beziehung lebende Menschen eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen und diese unter Gottes Wort und Segen stellen“, und: „In der Gemeinde Jesu Christi sind Unterschiede von Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung aufgehoben.“


Kirche in der Stadt

"Die Kirchen müssen sich in den weltweiten Megacities mehr engagieren. Denn die Zukunft der Städte entscheidet sich nicht in Europa, sondern in den boomenden Regionen der Welt. Für eine missionarische Kirche liegt die Herausforderung im rasanten Wachstum der Städte in Südamerika, Afrika und Asien. In 20 Jahren werden vermutlich zwei Drittel der Weltbevölkerung in Großstädten und Megacities mit mehr als zehn Millionen Einwohnern leben. In der Konsequenz bedeutet das eine enorme Zunahme der gesellschaftlichen Spaltung in Arme und Reiche, die schon jetzt in vielen Städten extrem ist.

Die Städte bleiben Schulen des Respekts und der Toleranz, weil die Begegnung mit dem Fremden die Voraussetzung städtischen Lebens ist. Es liegt in der Verantwortung der Religionsgemeinschaften, ob sie sich für die friedliche Lösung städtischer Konflikte einsetzen oder in interreligiösen Auseinandersetzungen selbst Gewalt ausüben. Die moderne Stadt braucht Kirchen, die sich ihrer öffentlichen Verantwortung als Teil wie als Gegenüber der Stadtgesellschaft bewusst sind."


Kirchenasyl

"Kirchenasyl ist ein offensichtlich noch notwendiger Schutzraum für Menschenrechte. Es wird nur gewährt, wenn jemand trotz aller staatlichen Gesetze und Hilfen von Abschiebung, menschenunwürdigen Umständen oder Lebensgefahr bedroht ist.

Kirchenasyl wendet sich nicht gegen den Rechtsstaat, sondern erinnert diesen an das grundgesetzlich verankerte Recht auf Menschenwürde, Freiheit und körperliche Unversehrtheit. In den meisten Fällen kann den Menschen in einem Kirchenasyl durch eine erneute Überprüfung ihres Schutzbegehrens geholfen werden."


Flüchtlinge

"Lampedusa entscheidet über die Humanität in Europa. Wir dürfen uns nicht an den Grundkonflikt einer globalen Ungerechtigkeit gewöhnen. Die Menschen in den südlichen Ländern werden aufgrund der Armut sowie der politischen und medizinischen Verhältnisse geradezu zur Auswanderung getrieben. Die reichen Staaten müssen sich für eine erfolgreiche Entwicklungspolitik und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung einsetzen."


Holocaust

"Die Gründung des Staates Israel ist nicht zu denken ohne das Wort Auschwitz.
Ein Land, ein Staat, eine Verheißung, die auf die Suche nach Sicherheit für Jüdinnen und Juden in einer Welt, die immer noch voller Antisemitismus ist, eine Antwort gibt.
Man kann viel die Politik in Israel kritisieren, verstehen kann man sie nur unter der Einsicht, dass einmal Deutschland versuchte, das jüdische Volk vollständig zu vernichten.

Das Nachdenken über Gott hat im Judentum wie im Christentum mit Auschwitz eine neue Seite aufgeschlagen. Mühsam suchte das Christentum ein neues Verhältnis zu den jüdischen Geschwistern. Es war ein langer Weg zur Einsicht, dass eine christliche Theologie, die ihre Wurzeln, nämlich das Judentum ignorierte oder bekämpfte, Gott mordete.

Wir sind immer noch in dieser theologischen Arbeit, die auch sichtbar in der Liturgie, in den Texten und unserer Schriftauslegung hör- und sichtbar werden muss."


Freie Meinungsäußerung

"Unsere Kultur hat das Gut der freien Meinungsäußerung in Jahrhunderten sowohl den weltlichen wie auch den religiösen Machthabern abgetrotzt.

Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Kunstfreiheit sind für mich Errungenschaften, die nicht infrage gestellt werden dürfen. Ebenso wenig wie die Religionsfreiheit. Das schließt auch ein, dass Menschen Respekt vor religiösen Gefühlen fordern dürfen. Die Balance dieser Grundrechte muss von einer Gesellschaft immer wieder eingeübt werden."