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Landesbischof Ralf Meister

Mein Freiraum in der Woche: Der Sonntag

Fri, 12 Jul 2019 09:52:16 +0000 von . Bischofskanzlei

An dieser Stelle schreibt Landesbischof Ralf Meister im Themenjahr "Zeit für Freiräume 2019" über seine persönlichen Freiräume.

Jeder Sonntag ist gleich, jeder Sonntag ist anders. In einer besonderen Weise sind durch alle Lebensjahrzehnte die Sonntage ähnlich geblieben und doch verschieden. Gewiss hat dieser erste Tag der Woche, an dem wir die Auferstehung Jesu feiern, nicht mehr die Beschaulichkeit meiner Kindheit. Das etwas spätere Aufstehen und ein geruhsames Frühstück mit Eltern und Geschwistern gehörten dazu. Zuvor durften mein Bruder und ich auf Vaters Schoß beim Weg zum Brötchenholen das Auto durch den Wald lenken - großes Abenteuer. Und vom Frühling bis zum Herbst fand nach dem Frühstück eine Feldbegehung statt. Das war, mein Vater kam aus der Landwirtschaft, ein kleiner Spaziergang mit der ganzen Familie durch das große Grundstück mit 60 Obstbäumen, zahllosen Johannis- und Stachelbeersträuchern und einem riesigen Gemüsefeld. Alles versprach viel Arbeit im Herbst, wenn die „Ernte“ eingebracht werden sollte, mit Apfelmost, Marmelade einkochen und eingeweckten Gläsern von Mix Pickles bis Mirabellen, die in den Kellerregalen bis zur Decke standen. Die Stunden zogen sich in einer Langsamkeit dahin, die mir im späteren Leben selten wiederfahren ist. Kein Termin drängte, es geschah einfach. Am Nachmittag, wenn das Wetter gut war, kam ein Spaziergang in der Fischbeker Heide hinzu. Die Schwarz-Weiß-Fotos erinnern mich, in welcher herausgeputzten Variante wir Kinder mit spazierten: Weiße Kniestümpfe, Lederhosen, helles Hemd. Vater war zu Hause, keine Wäsche auf der Leine, die Uhren liefen langsamer.

Von diesem ruhigen Gleichmaß ist wenig geblieben. Doch auch wenn ich mehrere Gottesdienste feiere an Sonntagen und dabei manchmal hunderte Kilometer zurücklege, ist der Sonntagslauf nur selten so dicht gedrängt wie an den Wochentagen. E-Mails sind die Ausnahme. Post trifft nicht ein, Telefonate sind selten. Bei den Fahrten kann ich hinten im Wagen Tagebuch schreiben, manches Buch lesen oder still die Natur beobachten. Wie freute ich mich jüngst, als wir zu früh an der zweiten Station eintrafen und wir die Zeit auf einem verlassenen Bahnhofsgelände verbrachten, uns an der wilden Natur erfreuten und seltene Schmetterlinge beobachteten. Und jeden Sonntag am Abend der Anruf bei den Eltern - Familie eben. 

Für meine Frau und mich ist der Sonntag immer häufiger zu einem gemeinsamen Festtag geworden. Oft reisen wir zusammen in die Gemeinden, freuen uns am Gottesdienst, genießen zusammen die Begegnungen und tauschen uns auf der Rückfahrt über das Erlebte aus. Du sollst den siebenten Tag heiligen, denn auch Gott ruhte an ihm. 

Für mich bleiben die sonntäglichen Stunden immer eine andere Zeit. Eine Zeit, die an die messianische Zeit erinnert. Das sind nicht die Zeiten, die uns noch bevorstehen, sondern in die wir jetzt schon eintauchen können. Es sind Erfahrungen, die ein anderes Maß geben, Stille und Erfüllung bereithalten. Es sind die Freiräume, in denen wir leben, als wäre es schon eine andere Welt. Das geht bis zum Ende. Denn wenn der Sonntagabend keine anderen Termine bereit hält, klingt er aus beim Tatort. Viel Böses geschieht, aber Frieden und Gerechtigkeit werden siegen. 

Bleiben Sie behütet!
Ihr Ralf Meister
Quelle: Thorsten Bollmann
Besuche in den Gemeinden gehören oft zum Sonntag für Landesbischof Meister - selten allerdings so entschleunigt wie in Meinerdingen, wo er mit der Kutsche abgeholt wurde.