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Landesbischof Ralf Meister

Aufbruch aus der Aussichtslosigkeit

Wed, 30 Oct 2013 13:28:46 +0000 von . Bischofskanzlei

Als „Befürchtungen und Malerei“ umschreibt der Künstler Björn Hauschild seinen Werkzyklus, aus dem auch das Triptychon „Seesturm“ stammt. Wer es ansieht, der blickt der Furcht ins aufgewühlte Gesicht. Erzählt der biblische Schöpfungsbericht, wie Gott Chaoswasser und Himmelsfeste voneinander trennt, so werden sie hier wieder eins - eine urwüchsige Kraft, auf deren Wogen ein aus dem Ruder gelaufenes Boot haltlos auf den Wellen tanzt. Die Einfassungen der Leinwände scheinen die explodierenden Farben und bewegten Strukturen kaum halten zu können.

Ein Bilderzyklus in spürbarer Spannung. „Fürchtet euch nicht!“ So lautet der Titel. Eine Zusage, die Hauschild in seinem künstlerischen Wirken immer wieder beschäftigt. Erarbeitet sich an ihr ab. „Fürchtet euch nicht!“ Das Ende der Furcht ist der Ausbruch aus der Aussichtslosigkeit. Ein Ausbruch aus kräftezehrender Haltlosigkeit, ein Aufbruch zu neuen Ufern.

Die Werke Björn Hauschilds bezeugen dessen Aufbruch in der Kunst und (dies ist für ihn unweigerlich damit verbunden) im Glauben. Im Jahr 1959 in Herten, Kreis Recklinghausen, geboren, ist Hauschild gebürtiger Ruhrgebietler. Aber Heimat, sagt er, ist dort, wo man aufgewachsen ist: Neustadt am Rübenberge ist eigentlich sein Zuhause. Von dort ging er nach Berlin, um Kunstpädagogik zu studieren. Nachdem er seinen Meisterschüler gemacht hatte, etablierte er sich als freischaffender Künstler - zunächst in der Hauptstadt, dann zog er nach Würzburg, in dessen Umgebung er noch heute mit Ehefrau und mittlerweile zwei Kindern lebt.

Hauschilds Kunst ist vielschichtig. Kühne Collagen und Montagen betten sich in Farbströme, die unaufhörlich zu fließen scheinen. Für Hauschild wird ein Werk zum Kunstwerk, wo es die bloße Gestaltung hinter sich lässt, um das Leben selbst zu berühren. Er hat sich davon entfernt, naturalistisch und präzise abzubilden. Für ihn ist Kunst nicht zum Anschauen, sondern zum Miterleben. Daher schafft er mit seinen Werken Erfahrungswelten, die man bereisen kann.

Er selbst ist auf einer Reise, einer Suche nach Gotteserkenntnis, nach Gottesnähe. Mit ebenso einnehmendem wie beeindruckendem Freimut legt Hauschild sein künstlerisches Schaffen als Zwiegespräch mit Gott dar; ein für die zeitgenössische Kunstszene außergewöhnliches Eingeständnis. Er bekennt, dass er, wann immer er sich auf den kreativen Prozess einlasse, antrete, „um etwas für Gott zu tun. So genügen mir keine Bilder, die irgendwie ganz nett, schön komponiert und ausstellungsfähig sind. Eine Arbeit ist dann beendet, wenn mir beim Betrachten der Atem stockt und ich für einen kurzen Moment eine Ahnung von Gottes Dimension bekomme. Dieses Unsagbare soll das Bild an den Betrachter weitergeben. … Das Ganze ist ein zähes Ringen und ein großer Kampf, der durch Höhen und Tiefen führt, bis hin zur schieren Not, Verzweiflung und zum Hadern mit Gott. Mit ihm bleibe ich im Gespräch. Ich weiß und spüre, dass ich etwas erreichen will, wozu mir selbst die Kraft fehlt. So werde ich jedes Mal zum Bittsteller, der die Hilfe und das Erbarmen Gottes nötig hat.“

Hauschilds Werke erzählen von der Bitte an Gott: „Laß dich finden!“ Als Ausdruck dieser Bitte will seine Kunst ernst genommen, und das heißt: nicht vorschnell gedeutet werden. Vielmehr fordert sie die Betrachtenden dazu auf, sich in sie zu versenken, Spuren des eigenen Welt- und Selbsterlebens im Kunstwerk wiederzufinden, sich antasten zu lassen, um selbst „für einen kurzen Moment eine Ahnung von Gottes Dimension“ zu bekommen. Diese Tiefe der Erfahrung steht über jedem symbolischen Zugang. „Entscheidend ist für mich die Emotion, die transportiert wird,“ konkretisiert Hauschild den Anspruch seiner Werke. Deren gestalterische Offenheit bewahrt das Geheimnis des Glaubens: Gott lässt sich nicht abbilden, nicht festhalten. Erfahren aber lässt er sich durchaus.

Im Vertrauen darauf inszeniert Björn Hauschilds Kunst stets ein Auf-Brechen des Offensichtlichen. Flüchtige Momente, ein Wimpernschlag nur – und doch ist danach nichts mehr, wie es vorher war. Energie wird spürbar und verdichtet sich zur Hoffnung: Gott schenkt alles Leben. Und er überlässt es nicht sich selbst.

„Fürchtet euch nicht!“ Dieser Zuspruch ist ebenso Konsequenz der Gnadenzusage, die Luther als den Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums erkennt. Auch seine reformatorische Einsicht steht am Ende eines Ringens mit Gott, den er als strengen Richter seiner Taten fürchtet. Als er begreift, dass niemand aufgrund seiner Werke vor Gott Gnade findet, sondern einzig und allein durch dessen sich unaufhaltsam schenkende Liebe, wandelt sich seine angestaute Furcht in eine beispiellose Dynamik. Luther erlebt und kommuniziert seinen Aufbruch im Glauben mit einer Leidenschaft, die Menschen bis heute begeistert. Sie ist bleibendes Zeugnis eines tiefen Vertrauens in die Liebe Gottes, die in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fällt - weil sie keinen Grund braucht, und weil sie zunimmt, je großzügiger sie sich teilt.

Ralf Meister, Landesbischof
Quelle: Björn Hauschild, Seesturm – oder: „Wo ist euer Glaube?“ (Lukas 8, 22-25), 2007, Triptychon, 3 Teile à 137 x 77 cm