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Entschuldigung bei den Opfern sexueller Gewalt durch kirchliche Mitarbeitende

Fri, 04 Jun 2021 13:56:49 +0000 von . Bischofskanzlei

Landesbischof Ralf Meister hat persönlich bei den Kindern und Jugendlichen um Entschuldigung gebeten, denen kirchliche Mitarbeiter sexuelle Gewalt angetan haben. „Ich übernehme als leitender Geistlicher die Verantwortung für das Unrecht, das Sie, die Sie Ihr Leid öffentlich gemacht haben, und unzählige andere Kinder und Jugendliche in der Vergangenheit durch Mitarbeitende dieser Kirche erlitten haben“, sagte er am Donnerstag vor der digital tagenden evangelischen Landessynode in Hannover.

Die Landeskirche habe Schuld auf sich geladen, sagte Meister. „Die tiefe, lebenslange Verwundung, die durch Menschen aus der Kirche anderen zugefügt worden ist, kann nicht wieder gut gemacht werden. Diese Verwundungen lehren uns, unsere Geschichte neu anzuschauen, sie neu zu schreiben und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.“

Zuvor hatte der Ausschuss für kirchliche Mitarbeit vor dem Kirchenparlament über die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland berichtet.

Meister sagte, zum größten Teil lägen die Ereignisse lange zurück. Täter und Täterinnen seien verstorben oder nicht mehr im Dienst. Dass die Taten überhaupt bekannt wurden, gehe vor allem auf die Initiative Betroffener zurück. Er erinnerte daran, dass die Landeskirche gemeinsam mit dem Diakonischen Werk sich 2009 öffentlich zu Missbrauchsfällen in diakonischen Einrichtungen erklärt habe. Mit einer Ansprechstelle für Betroffene und der Einrichtung einer Unabhängigen Kommission seien seitdem Strukturen geschaffen worden, um weiter zu helfen.

In einer Debatte forderte Pastorin Anna Kempe aus Dannenberg, die Landeskirche müsse das Thema weiter konsequent vorantreiben: „Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen sollen sichere Orte für alle sein.“ Nach ihrem Bericht soll zum 1. Juli in der Landeskirche eine pädagogische Fachkraft mit voller Stelle ihre Arbeit für die Prävention und Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt aufnehmen. Zudem sollen weitere Stellenanteile für die Begleitung Betroffener, die Erstellung von Schutzkonzepten und die Schulung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern in der gesamten Landeskirche geschaffen werden.

Pastorin Marianne Gorka dankte Landesbischof Meister für „sein deutliches Schuldeingeständnis und die Übernahme der Verantwortung“. Sie appellierte an die Synode, sich hinter die Bitte um Entschuldigung zu stellen und ein entsprechendes Votum zu formulieren. „Ich habe den Wunsch, dass wir diese Verantwortung gemeinsam tragen und gemeinsam alles tun, es in Zukunft besser zu machen.“ Auch die Synodale Marie Kleinhans betonte, dass die Synode sich klar positionieren solle: „Wir müssen unsere Schuld auch als Institution eingestehen“.

Die Synodale Anja Kleinschmidt verwies darauf, dass zumeist viele Jahre vergingen, bis Missbrauchsfälle bekannt werden. Deshalb warne sie davor, „jetzt zu denken, dass es nur um Prävention geht und das Thema eigentlich schon hinter uns liegt.“

Die Synodale Antje Niewisch-Lennartz forderte eine enge Zusammenarbeit mit den Betroffenen von Missbrauchsfällen. Aufarbeitung sei mehr als Aufklärung, betonte die Grünen-Politikerin und frühere niedersächsische Justizministerin. „Wir dürfen uns als evangelische Kirche nicht in Sicherheit wiegen, dass dieses Thema dauerhaft bei der katholischen Kirche behaftet bleibt.“ Niewisch-Lennartz wurde 2019 vom katholischen Bistum Hildesheim zur Leiterin einer externen Kommission berufen, die Missbrauchsfälle untersucht.

In der hannoverschen Landeskirche sind nach Angaben von Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch seit 1945 rund 120 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen bekannt. Die meisten ereigneten sich in der Nachkriegszeit in Erziehungsheimen der Diakonie. Doch auch Pastoren, Diakone, Erzieher und Musiker aus Kirchengemeinden gehörten zu den Tätern.

Den vollständigen Text finden Sie im Schriftlichen Bericht des Landesbischof hier unter "Texte"

epd/Niedersachsen-Bremen
Quelle: Jens Schulze