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Wenn der Bischof in die Kneipe geht

Fri, 26 Apr 2019 10:40:28 +0000 von . Bischofskanzlei

Die evangelische Gemeinde Aerzen bei Hameln trifft sich neuerdings auch in der Kneipe, um miteinander konstruktiv zu streiten. Mit dem Landesbischof in Jeans sprachen sie diesmal übers Blaumachen und die Zukunft der Kirche.

Aerzen/Kr. Hameln-Pyrmont (epd). Landesbischof Ralf Meister trägt eine tintenblaue Jeans und ein gemustertes Hemd unter dem Jackett. "In solcher Kleidung hätte ich zu keinem anderen kirchlichen Termin gedurft", schmunzelt er. Doch dieser kirchlicher Termin ist eben ganz besonders. Er findet mitten in einem kleinen Wald nahe des Dorfes Aerzen bei Hameln statt. In der Gaststätte "Edenhall" geht es um genau das, was die hannoversche Landeskirche in diesem Jahr zu ihrem Schwerpunkt gemacht hat: um Freiräume.

In diesem Sinn hat auch Gemeindepastor Christof Vetter den Stammtisch ins Leben gerufen. An jedem letzten Donnerstag im Monat treffen die Mitglieder seiner Gemeinde in einem der örtlichen Wirtshäuser auf prominente Menschen aus der Umgebung. Reden wollen sie über alles, was "auf der Seele brennt", sagt Vetter. Der Pastor wünscht sich aber auch Widerspruch und konstruktiven Streit: Ähnlich wie die Kirche kann auch die Kneipe ein Ort sein, um seinen Empfindungen freien Lauf zu lassen.

Unter dem Leitmotiv "Zeit für Freiräume" wollen die mehr als 1.300 evangelischen Gemeinden zwischen Hann. Münden und Cuxhaven neue Wege suchen, um ihre hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter zu entlasten. Viele von ihnen klagten zwar über Erschöpfung, wollten aber nichts von ihren Aufgaben aufgeben, sagte Meister. Die meisten seien auf ihre vielfachen Aktivitäten stolz. Andere fühlten sich sogar gekränkt, wenn sie ihre Arbeit aufgrund fortschreitenden Alters verringern sollten. "Doch in der Bibel steht, der Mensch soll sich an einem Tag in der Woche ausruhen", betonte Meister. Deshalb will die Kirche ein Jahr lang auf große Events verzichten. "Es geht darum, etwas anders zu machen als bisher."

Mehr als 50 Menschen versammeln sich an diesem Abend mit ganz unterschiedlichen Anliegen in der Kneipe. Die meisten von ihnen sind über 70 Jahre alt. Manche berichten von Gottesdiensten in ihren Kirchen, zu denen nur zwei oder drei Menschen kämen. "Ist das vergeudete Zeit?", fragt ein älterer Mann, der sich in einem der Nachbardörfer als Lektor betätigt.

In der Aerzener Gemeinde mit 3.500 Mitgliedern kommen laut Pastor Vetter jede Woche bis zu 400 Menschen in die Gottesdienste, Taufen und Beerdigungen mitgezählt. Ausführlich wird darüber geredet, was die Kirche anders machen müsste, um den Menschen auch in guten Zeiten beizustehen. Denn in Notfällen, bei Schicksalsschlägen und "Spontan-Katastrophen", wie Bischof Meister sie nennt, seien die Kirchen auch heute noch voll. Eine Frau, die aus dem Schuldienst kommt, warnt hingegen davor, die Qualität der Gottesdienste an Besucherzahlen zu messen. Den Pastoren mehr Zeit und Raum für die Vorbereitung zu geben, findet sie dennoch gut. Die Entschleunigung setze oft wieder Kreativität frei.

Cristina Marina (epd)
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