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"Kirche muss gesellschaftliche Beruhigungspflaster abreißen"

Wed, 29 Jul 2020 09:48:10 +0000 von Benjamin Simon-Hinkelmann

Seit rund einem halben Jahr prägt die Corona-Pandemie nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Neben Einschränkungen in Schulen, Kitas, und Kultureinrichtungen, für den Handel und die Gastronomie, sind auch die Kirchen weiterhin von den Schutzmaßnahmen betroffen - wenn auch längst nicht mehr so stark wie in der Zeit des Lockdowns. In der Phase des Übergangs aus dem kurzfristigen Management der akuten Krise in die "neue Normalität" - dem längerfristigen Leben mit dem Covid-19-Virus - schaut Landesbischof Ralf Meister auf bevorstehende Herausforderungen für Kirchen, Gesellschaft und Wirtschaft. Ein Gespräch über erstarkenden Gemeinsinn, die Notwendigkeit einer nachhaltigen Transformation der Ökonomie und die Bedeutung von Kirchengemeinden als Blaupausen für Solidarität, soziales Engagement und gelingende Sinnsuche in unsteten Zeiten.
 
epd: Ziemlich genau ein halbes Jahr hat uns die Corona-Pandemie jetzt im Griff, und allmählich schalten wir aus dem Modus der akuten Krisenbewältigung in die vielbeschworene "neue Normalität" um. Herr Meister, das ist womöglich ein guter Zeitpunkt, Sie zu fragen: Welche bleibenden Erkenntnisse haben Sie bis hierhin gewonnen?
 
Meister: Über allem steht für mich die positive Erkenntnis, dass wir es als Gesellschaft geschafft haben, das Gemeinwohl über die Bedürfnisse des Einzelnen zu stellen. Die meisten Menschen haben die Einschränkung individueller Freiheit nicht nur akzeptiert, sondern üben sich freiwillig und aus tiefer Überzeugung in Rücksicht vor dem Nächsten, der womöglich schwächer, verwundbarer ist als sie selbst. Mitzuerleben, wie mitmenschlich es in Corona-Krise ganz überwiegend zugeht, bewegt mich. Und es gibt mir Hoffnung, zumal ich mit derart viel Gemeinsinn nicht zwingend gerechnet hätte.
 
epd: Wieso nicht?
 
Meister: Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von einem fast überbordenden Individualismus. Die persönliche Freiheit - und damit auch eine gewisse Ungebundenheit - schien beinahe das höchste aller Güter. Jetzt in der Krise wächst neues Bewusstsein für gesellschaftlichen Zusammenhalt, dafür, dass im Umgang mit dem Nächsten unser Bestes verlangt wird. Diese Haltung brauchen wir dringender denn je.
 
epd: Weshalb?
 
Meister: Weil die Pandemie viele ernste Fragen aufgeworfen hat. Fragen, die weit über den gegenwärtigen Ausnahmezustand hinausgehen, darunter durchaus Systemfragen. Ich denke an die noch nicht abzusehenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Zum einen werden gewaltige politische und finanzielle Anstrengungen unternommen, um drastische Einbrüche zu verhindern. Schnelle Maßnahmen, die auch kurzfristig wirksam sein müssen, um vor allem auch soziale Verwerfungen zu mildern. Zugleich steht in dieser Zeit, in der ohnehin viel infrage steht, auch die viel grundlegendere, viel langfristigere Frage im Raum, ob wir so weiter wirtschaften können wie bisher. Oder ob wir die nachhaltige Transformation vieler Wirtschaftszweige - etwa Mobilität, Energiesektor, Handel - jetzt nicht forcierter angehen müssen.
 
epd: Ist das jetzt, da es vor allem darum geht, erst einmal Schlimmeres zu verhindern, nicht etwas zu viel verlangt?
 
Meister: Wann, wenn nicht jetzt? Gerade jetzt ist das Problembewusstsein geschärfter denn je. Die Automobilkrise stellt Grundfragen an unsere Mobilität. Die Missstände in der Fleischwirtschaft stellen Fragen an unseren Konsum auf Kosten von Tieren, Menschen und der Umwelt. Und das sind ja nur zwei Beispiele für hochproblematische Entwicklungen, die lange bekannt waren, aber nun, in der Krise, gewaltigen Handlungsdruck erzeugen. In diesem Druck liegt auch eine Chance: Jetzt, da sich die Probleme nicht mehr beiseiteschieben lassen, müssen wir gründlicher, wahrhaftiger über unsere Form des Wirtschaftens nachdenken. Wir müssen dabei auch unsere entfesselte Wachstumslogik, die zunehmende Ökonomisierung all unserer Lebensbereiche infrage stellen. Und auch unsere ganz persönliche Haltung zu Konsum und Komfort.
 
epd: Zugleich hat diese Wachstumslogik für breiten Wohlstand in der Gesellschaft gesorgt. Sägen wir durch ihre Infragestellung nicht den Ast ab, auf dem wir sitzen - mit womöglich verheerenden Folgen für die Schwächsten in der Gesellschaft?
 
Meister: Natürlich besteht die Gefahr, dass soziale Brüche, die in der Corona-Krise ebenfalls offenkundiger werden, sich weiter vertiefen. Deshalb muss eben dieser gestärkte Gemeinsinn, von dem ich eingangs sprach, weiter an Bedeutung gewinnen. Dieser Gemeinsinn darf ruhig auch darin zum Ausdruck kommen, dass Erfolgreiche und Vermögende bereit sind, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Wirtschaftsforscher fordern bereits seit längerem einen noch stärkeren Dialog über gesellschaftliche Verantwortung mit Vermögenden. 
 
epd: Also etwa durch eine Reichensteuer?
 
Meister: Wie auch immer man es konkret nennen mag: Soziale Gerechtigkeit wird immer auch im Steuersystem erkennbar werden.
 
epd: Welche Rolle kann die Kirche in dieser von Unsicherheit, aber auch von Übergang und sich abzeichnendem Wandel geprägten Zeit übernehmen?
 
Meister: Zunächst einmal: Hoffnung vermitteln. Gottvertrauen, und darin das Vertrauen, dass wir auch in dieser Phase der Ungewissheiten getragen und geborgen sind. Hoffnungsstiftende Verkündigung bleibt eine zentrale Aufgabe der Kirche. Und die Seelsorge ist die Muttersprache unserer Kirche. Darüber hinaus kann Kirche aber auch zu einer starken Kraft im Wandel werden. Sie kann Mahner, Mittler und Motor sein. 
 
Zum einen auf der institutionellen Ebene, als verlässliches Gegenüber von Politik, Verbänden und gesellschaftlichen Interessengruppen. Aber auch als beharrliche Stimme im großen Diskurs. Eine Stimme, die auf Wahrhaftigkeit, Bewahrung der Schöpfung und soziale Gerechtigkeit pocht. Die ethische Brüche und Schieflagen anspricht und durchaus auch mal das eine oder andere gesellschaftliche Beruhigungspflaster abreißt. 
 
Zum anderen beweist Kirche aber auch vor Ort handfest, dass sie ein Motor für Kreativität und Veränderung, für nachhaltiges Denken und Handeln ist. Wie das geht, zeigen Zigtausende Kirchengemeinden allein in Deutschland. Das sind nicht nur geistliche Kraftorte, sondern auch Zentren des sozialen und kulturellen Lebens im Dorf, im Stadtviertel. Gemeinschaften, die sich einsetzen für die Flüchtlingshilfe, den Umweltschutz, die Unterstützung armer und bildungsferner Menschen, die gemeinsam singen und feiern: Das sind nur einige Facetten von Gemeinde. Dort ist an gutem, nachbarschaftlichem Leben im kleinen Maßstab zu erleben, was ich mir für die ganze Gesellschaft wünsche.
 
epd: Klar, dass dieses nachbarschaftliche Leben in Zeiten von Abstandsgebot und Hygieneregeln erschwert ist. Aber hätten die Kirchen deshalb ganz schließen müssen, obwohl die Baumärkte offen hatten? Dafür gab es ja auch Unverständnis.
 
Meister: Manche mögen uns vorwerfen, dass wir da zu bereitwillig, sozusagen zu staatstreu gewesen sind. Und persönlich bin ich gewiss nicht glücklich über die Schließungen unserer Kirchen. Aber egal, welche Entscheidung wir getroffen hätten: Keine wäre in dieser Zwickmühle wirklich befriedigend gewesen. Unter schwierigsten Voraussetzungen haben wir abgewogen und vernünftig entschieden, niemandes Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
 
Als wir das beschlossen haben, waren viele Risiken, etwa des Singens, noch nicht einmal vollständig bekannt. Wäre ein Gottesdienst zu einem Hotspot für die Verbreitung des Virus geworden, hätte das eine Tragweite für unser gottesdienstliches Leben gehabt, die ich mir gar nicht ausmalen mag. Und die Kritik an unserer vermeintlich zu passiven Haltung lässt außer Acht, wie schnell und kreativ in vielen Kirchengemeinden neue, ansprechende Formen von Verkündigung entwickelt worden sind.
 
epd: Schmerzhaft ist auch der dramatische Mitgliederschwund in den Kirchen, wie die jüngsten Zahlen einmal mehr deutlich machen. Ist es da nicht folgerichtig, über gelockerte oder temporäre Formen der Mitgliedschaft, eine Kultussteuer für alle Bürger oder eine "Kirchensteuer light" nachzudenken?
 
Meister: Sicher sind derartige Überlegungen nicht unberechtigt. Zugleich sollte man sich davon aber nicht allzu viel versprechen. Etwa, dass mehr Menschen kommen oder gar reguläre Kirchensteuerzahler werden. Denn wer im Kirchenchor mitsingen oder sich in der Kleiderkammer, bei der Hausaufgabenhilfe oder in der Flüchtlingsarbeit der Gemeinde engagieren will, tut das heute schon - auch als Nichtmitglied.
 
epd: Also muss sich Kirche kampflos damit abfinden, kontinuierlich zu schrumpfen?
 
Meister: Keineswegs. Wir "kämpfen" durchaus. "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens", heißt es in der Bibel. Wir machen sowohl als Institution als auch in den Gemeinden gute Arbeit. Nur wird das nicht automatisch mit Eintritten honoriert. Das ist manchmal frustrierend. Aber es raubt uns doch nicht die Gewissheit, dass unsere Botschaft bestens in diese Welt, in diese Zeit passt! Daran ist nicht zu rütteln, egal wie groß wir sind. 
Quelle: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
Bild: Jens Schulze/Landeskirche Hannovers